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Scharbeutz. (Menschen im Sommer.)

30 Aug

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„Meine Damen und Herren, eine Durchsage: Wegen einer Betriebsstörung verzögert sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit.“ Die Türen öffnen sich, die Rentner aus dem Schwabenland stöhnen. „Desch gibsch doch nett.“ Man macht sie ja nie ein Bild davon, dass wirklich Dreivierteldeutschland an die Ostsee strömt, in den Ferien.

„Komm“, sage ich zu meiner Frau, „wir können auch hier raus“. Betriebsstörung bedeutet bei der Deutschen Bahn in der Regel: 30 Minuten und länger – meistens: länger. Wir wollten nach Fehmarn, aber nun ist es eben Scharbeutz geworden, es hätte auch eine schlechtere Haltestelle treffen können: Sierksdorf zum Beispiel.

Wir steigen aus, die schwäbischen Rentner schauen uns an wie Ufos. Desch wird länger dauern, denke ich, sage es aber nicht, als ich aussteige. Seit ich zu Studienzeiten in den 90er Jahren einmal für ein paar Monate aus Versehen mit einer Schwäbin zusammen war, kommt der Imitationsreflex immer wieder durch. Mit högdcher Dischziplin. Bescheuert, ich weiß.

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Scharbeutz, das ist ein Ostseeort an der Lübecker Bucht, der ein bisschen aussieht, als hätte ein Maklerbüro versucht, die deutsche Côte d’Azur nachzubauen – was natürlich furchtbar misslingt. Vor 200 Jahren gab es hier keine 200 Einwohner, heute werden 300.000 Übernachtungen pro Saison registriert. Es ist alles angerichtet: Eine neu gestaltete Dünenmeile samt Designhotel, das erst im vorletzten Jahr eröffnet hat, wie ich lerne, Fisch Gosch ist auch da und diese Seemode-Lärchen, die Daunenjacken für 300 Euro verkaufen – und Badehosen für 70 Euro.

Ich weiß das, weil ich bemerke, als wir am Pier stehen, dass ich meine Badehose vergessen habe. „Macht nichts, wir kaufen dir eine neue“, sagt meine Frau. „Auf gar keinen Fall“, beharre ich. 70 Euro für einen roten hässlichen Polyesterfetzen, den ich dieses Jahr noch genau das eine Mal tragen würde, für ein paar Stunden?

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Wir nehmen uns ein Strandkorb für 16 Euro, 6 Euro Kurtaxe inbegriffen. „Was ich an Deutschland einfach nicht versehe“, sagt meine Frau, die nun seit zweieinhalb Jahren hier lebt, „sind nicht nur die Preise. Es ist auch die Stimmung. Dass die Menschen nie lachen. Es ist noch einmal Sommer, es sind 26 Grad, es ist ein schöner Strand, es ist alles da – und jeder zieht dieses Gesicht, als ginge die Welt unter. Warum ist das so?“

Auf diese Frage weiß ich nun keine Antwort. Es ist nicht so, dass nicht auch schon darüber nachgedacht hätte,  man vergisst es aber immer wieder schnell mit Zeit, weil man am Ende ja genauso wird. Immer, wenn ich die Sommer mit ihr im Balkan verbracht habe, ist mir diese deutsche Griesgrämigkeit mit dem fremden, frischen Blick sofort aufgefallen, noch am Flughafen.

Kein Lachen, keine Interaktion. Stattdessen schon im Flugzeug Rücken durchdrücken, Laptoptasche ins Gesicht knallen, Erster sein. Bis heute bereitet es mir ein diebisches Vergnügen, als Letzter das Flugzeug zu verlassen und mich noch in den Flugzeugbus zu quetschen und mich bei den griesgrämigen Rückendurchdrückern zu revanchieren. Last in, first out.

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Man vergisst sie, aber man sieht sie immer wieder. Auch in Scharbeutz. Direkt neben uns haben sich zwei Familien mit Kleinkindern ausgebreitet. Die Mütter wirken genervt, die Väter gestresst. Die Sonne ist zu hell für das iPad. Microsoft Office funktioniert auch immer noch nicht richtig. „Geh mal mit Lotte ans Meer“, sagt eine ziemlich beleibte Endreißigerin zu ihrem agilen Mann, dem Tablet-Nutzer. Missmutig legt er sein iPad beiseite, schnappt sich das Kind, setzt es auf die Schulter und trotet Richtung Meer.

„Mensch Sven, Du musst Lotte doch vorher eincremen“, sagt die genervte Mutter. Also Kommando zurück: Lotte von der Schulter, tiefer Griff in den Rucksack, Creme raus, Kindergesicht beschmieren. Lotte gefällt das nicht. Sie zieht das Gesicht weg, windet sich. „Mensch Papa, das klebt doch nur“. Sagt es und reißt sich los. Dann brummt das iPad. Der Impuls, nach der neuen Email zu schauen, ist zu antrainiert, als dass der Mann, der offenkundig Sven heißt, widerstehen könnte – und beschmiert sofort sein Display.

„Scheiße“, sagt Sven. „Was issn’?“, fragt die Frau, ebenfalls reflexartig, ohne es eigentlich wissen zu wollen. Und ehe die Antwort abzuwarten: „Mensch Sven, pass doch auf Lotte auf“. Lotte ist keine 10 Meter weiter über eine Schaufel drei Strandkörbe weiter gestolpert und hat nun ein blutiges, sandiges Knie. Heulend wie eine Sirene kehrt Lotte zurück. Kleine geschlagene Kriegerin.

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Ich lehne mich tiefer in den Strandkorb und drücke meine Kopfhörer ein bisschen fester ins Ohr. All I wanna do is get high by the beach. Get high by the beach, get high. All I wanna do is get by by the beach. Get by baby, baby, bye bye.

Was mir am deutschen Sommer auffällt, ist, wie viel Mühe er uns offenbar bereitet. Wir sehnen uns das ganze Jahr nach ihm, können aber doch so wenig mit ihm anfangen, wenn er endlich einmal da ist, für ein paar Tage. Alles ist Arbeit, die Jagd nach einem Strandkorb, die richtige Ausrichtung nach der Sonne, das Eincremen nicht vergessen, nach einer halben Stunde muss irgendwas gekauft werden, Fischbrötchen, Crêpes, eine Ilustrierte, Aufstehen, rein in die Schuhe, keine Flip Flops mit, Sand in den Sportschuhen, weil Angst vor der Scherben auf der Promenade, lange Schlange, das WC ist auch zu weit weg, endlich gefunden, nach 10 Minuten  wieder im Strandkorb ist man ein anderer, alles ist anders, die Sonne steht anders, der Wind ist aufgezogen, es gibt neue Strandkorbnachbarn, die mit kehligen Stimmen vom Grillabend gestern mit Axel und Steffi berichten, und man bereut sofort bitter, dass man nicht nur die Badhose, sondern auch einen iPhone-Ersatzakku vergessen hat. Du wolltest schließlich wandern gehen, nicht an den Strand.

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Nach drei weiteren Stunden ist auch dieser Spätsommertag vollbracht. Wir wandern schließlich an der Promenade entlang Richtung Timmendorf Strand, ein Sky du Mont-Typ kommt uns entgegen und fixiert meine Frau und ihr Dekolleté. Auf eine sehr direkte Art macht er das, nicht wie die verschmähten Glotzer, die im letzten Moment beim Passieren die Augen groß aufreißen, sondern genüsslich, als würde er das öfter tun, der alternde Voyeur. An seiner Seite eine dünne, krampfhaft jugendlich geblieben Endvierzigerin mit Karottenjeans und Perlenenkette. Vielleicht hatten sie es heute nicht nach Sylt geschafft.

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Wir erreichen den Bahnhof Timmendorfer Strand fast auf die Sekunde genau. Als wir die Autobahnbrücke überqueren, hören wir den Zug einrollen. 300 Meter noch. Wenn man bedenkt, dass der Zug immer etwas hält, um den Pulk an Menschen, dieses Wechselspiel von Kommen und Gehen, herein- und herauszulassen, bleiben uns 40, maximal 50 Sekunden. Wir schaffen das. Ich sprinte und blockiere die Tür, wir schaffen das immer.

Ich blicke im Wagon umher, links, recht und wähle rechts, weil der Teil so schön leer ist. Zwei Mädchen, Teenager, sitzen auf dem Viererplatz und blicken auf ein Phablet, das kein iPhone ist. Sie sehen ein Musikvideo, das ich nicht kenne, Rihanna ist das nicht, soviel steht fest, Chartzeug, ich weiß nicht, was. Irgendein Beat wummert, irgend ein Noname-Rapper rappt seine Lines, ich habe seit den 90ern aufgehört, die Charts zu verfolgen, damals liefen die American Top 40 mit Shadoe Stevens bei Radio Hamburg ab Freitagmitternacht, ich habe damit damals meinen Schlafrhythmus auf Lebenszeit versaut, so hat das angefangen, mit Cherry Cola und Ranchos Chips, meine Art von Party zu Schulzeiten.

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Das eine der beiden Mädchen grunzt zu laut zu dem Gerappe, das andere hat den Arm um sie gelegt, hält sie, erst jetzt sehe ich, dass sie zittert, dass sie schluchzt statt lacht, dass sie heult wie ein Schlosshund, wie ich seit Jahren niemand mehr habe weinen sehen, das ist nicht normal, das ist ein Anfall. Die Blonde, die sich als ihre Schwester herausstellt, tröstet sie, sie wirkt nicht so konsterniert wie wir, obwohl ihre Schwester kaum mehr ein Wort herausbekommt, sie japst wie bei einem Asthmaanfall, immer wieder dieses Schlucken, keine Luft bekommt sie mehr. Ich überlege, was als Nächstes passiert.

Die Blonde steht auf und verschwindet im Zug. Nach zwei Minuten kommt sie wieder – mit einer Box Würstchen. Ich bin zu perplex, um zu registrieren, dass man in der NOB natürlich keine Snacks kaufen kann, aber dann kommt auch schon eine mittelalte Frau angetrotet, die sich als Mutter der beiden herausstellt. Papa ist schuld?

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Irgendwas ist immer. Wir fahren irgendwoher, irgendwohin, um irgendeinem Ziel nachzujagen. Ein bisschen Sommer, ein bisschen Sonne, ein bisschen. Aber irgendwas kommt immer dazwischen. Auf der Hinfahrt, auf der Rückfahrt. Und vor allem dazwischen. Nächste Haltestelle: Lübeck. „Nach einem kurzen Aufenthalt fährt der Zug weiter in Richtung Hamburg Hauptbahnhof.“

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Die letzte Fähre.

15 Sep

Und dann sitzt du wieder am Fenster, der Fensterplatz schlägt immer den am Gang, aber es ist anderes Fenster diesmal, Germanwings, Pristina, denn wenn es nicht etwas Neues ist, ist es kein Abenteuer, nicht wahr?

Pristina Boarding

Du versucht dich zu erholen von dieser verstörend grauen Stadt aus Asphalt, Geröll und einer der traurigsten Vergangenheiten, die die Welt in den letzten Jahrzehnten gesehen hat, du versuchst das abzuschütteln wie den Abschied jetzt.

Pristina Crossroads

Du siehst auch hier beim Abflug Hügel, die zu geschwungenen Linien werden, zu braunen Wellen mit Klecksen darin, es ist nicht anders als in Tirana, es ist nicht anders als im Wagen, nur die Linien sind größer und die Schwünge dort weiter, und die warme Luft fügt alles zusammen, den ganzen Sommer in seinen Einzelteilen, Tirana, Budva, Kotor, Dubrovnik, Split, Brac, Postira, Bol, Herceq Novi, Tivat, diese Fähre durch den Fjord von Kotor, die auch mitten in der Nacht fährt, die immer fährt, und das eine Ufer mit den anderen verbindet, 30 km in 5 Minuten gespart.

Ferry Girl

Du denkst an dieses Auf-die-Fähre-Fahren als den einen Sommermoment, es gab hundert andere, aber dieses Bild kommt als erstes, wenn du jetzt an diesen Sommer denkst, an diese drei Monate, schaffen wir das noch, schnell das Ticket, 4,50 EUR für 5 Minuten, wir schaffen es immer, bis auf das eine Mal um halb drei nachts, als die Fähre abfährt, als ich das Ticket kaufe, drei mal Tuten, dann legt sie schon ab, dann wird das blaue Dreieck, das auf den Porto Montenegro hinweist, zum Fleck in der Landschaft, so wie der Kieselstrand am anderen Ufer näher rückt, du kannst den Balkon von der Fähre aussehen, auf dem die australischen Camper gesehen hast, die den Fjord umrundet haben auf dem Weg wer weiß so hin…

Summer Balcony

Wenn du in ein paar Wochen einmal wieder auf ein paar der 3000 Sommerbilder auf deinem iPhone schaust, dann tust du das schon mit einem anderen Gefühl, dann haben sich die Bilder schon verändert, dann hat die Nostalgie einen neuen Filter über die Bilder gezogen, intensiver als Instagram, abgelegt im Ordner Sommer 2013, verklärt mit dem Soundtrack des neuen Jay Z-Albums und des halbneuen von Lana del Rey, es ist wichtig, dass alles seine Zeit und Zeilen hat, das ist der Soundtrack des Sommers.

Summer.

Wir haben Holy Grail und die Paradise Edition von Born to die gehört, als uns der Sommerwind am Fjord durchwehte, Erinnerungen brauchen nicht nur Bilder, sie brauchen auch die richtigen Songs. Wenn du halb betrunken bist, singst du diese paar Zeilen mit, die du behalten hast, obwohl Singen das Letzte ist, was du kannst, das Allerletzte, und du froh bist, wenn dich niemand daran erinnert, vollkommen zusammenhangloses Zeug:  „1 Million, 2 Million, 3, Million, 20 Million – oh I’m so good at math“, johlt Jay Z, das ist genauso selbstverliebter Blödsinn wie Lanas „My Pussy tastes like Pepsi Cola“, aber das sind die Zeilen, die hängen bleiben, warum auch immer.

Summer Farewell

Was noch hängen bleibt, ist der Justin Timberlake-Hook, „And Baby, it’s amazing I’m in this stage with you…, one Day you here, one Day you’re there… “ Die richtig guten Sachen, John Mayers Battlestudies, behälst Du nicht, außer „All we ever do is say Goodbye“, das ist Programm, so wie Battlestudies Programm ist zwischen der Grenzen von Albanien und Montenegro, es ist längst eine Tradition.

The last Ferry

So ist es jedes Jahr, so ist es immer wieder, das Vergangene bekommt ein Gewicht, das es damals vielleicht nie hatte, es bekommt diesen Schleier umgelegt, das weißt du, als auf der Fähre in den Fjord schaust, in dem sich der Mond spiegelt, du weißt, das ist so ein Moment, der in Gedanken eingerahmt wird, der bleibt, du weißt das, als der Mond den Fjord trifft, aber ein Foto davon gibt es nicht, weil du es verpasst hast, eins zu schießen, in diesem Moment, der größer ist als ein iPhone-Foto.

Apocalypse. (Endzeit-Trilogie II.)

21 Dez

Diesmal ist es kein Aufprall aus dem Nichts. Diesmal hast du mehr Zeit. Unendlich viel Zeit. Der Countdown für den 21.12.2012 läuft so lange du ihn wahrnehmen willst. Natürlich ist das großer Kindergarten, du hast nicht mal eine Sekunde darüber nachgedacht, dass wirklich etwas passieren könnte. Es geht ja immer weiter, nicht wahr.  Jeder sagt das ja, Facebook ist voll von 12/21/2012-Weltuntergangswitzen. Allein der Mangel an einem konkreten Untergangsszenario macht dir den Untergang weniger wahrscheinlich.

Aber irgendwann wird tatsächlich der letzte Tag kommen, der letzte Tag von allen. Nichts währt für immer, das weißt du doch, nicht mal die Erde. Wie wäre das? Wie würde es enden? Mit einem großen Knall? Mit einer Überschwemmung? Würde es sein wie in Melancholia? Oder würde es sein wie bei einem monströsen Tsunami? Und was wäre dir lieber?


Würdest du es lieber live miterleben oder sollte es dich besser im Schlaf überraschen? Und was würde es ändern? Wenn du wüsstest, du hast noch zwölf, noch acht, noch vier Stunden, was würdest du dann tun? Ein letzter Anruf bei deinen Eltern, ein letzter Facebook-Post, eine letzte Aussprache mit wem auch immer? Die letzten Dinge.

Photo Credit: Original Version © Nordisk Films

Wer würde dir am meisten fehlen? Bist du bis hierin zufrieden mit deinem Leben gewesen? Was hättest du gerne noch erledigt? Was bereust du am meisten, nicht getan zu haben? Warum hast du es nicht getan? Und wenn die Welt doch nicht untergeht, wirst du es dann tun?

Aufprall. (Endzeit-Trilogie I.)

18 Dez

Und dann macht es Knall, und binnen einer Millisekunde weißt du, das ist schlimm, das wird Folgen haben, irgendwie schützen wäre jetzt ganz gut, aber dann knallt es noch mal und noch mal und noch mal. Dass da Kräfte von hinten auf dich einwirken, die zu stark für deinen Kopf sind, weißt du sofort, aber wie stark ist zu stark? Die Sekunde nach dem Aufprall ist noch schlimmer. Gewissheit: Es hat sich was verändert. Wie schlimm ist es?

The Crash.

Das iPhone registriert du unter der Windschutzscheibe, eben war es noch in deiner Hand. Ein Riss im Display erkennst du sofort. Hast du auch was abbekommen? Das Erste, was schmerzt, ist der Kopf. Dann der Nacken. Dann der Rücken. Dann sind es tausend Stecknadeln da oben im Schädel: Wie schlimm ist es? Wie schlimm wird es? Wird dich das hier verändern? Was, wenn das Adrenalin alles gerade überdröhnt? Wirst du noch alles wissen, was du vorher wusstest? Ist da was im Kopf kaputt gegangen? Kannst du dich noch normal bewegen? Wenn etwas nicht zu reparieren wäre, was würdest du am ehesten verkraften? Warum glaubt man immer, schlimme Dinge passieren den anderen, aber dir nicht? Und wirst du noch in einer Woche an all das denken – bleibt auch nur ein Gedanke davon, wenn alles doch nicht so schlimm war?

Here’s to Social.fiction!

1 Okt

Etwas in Gedanken so verlaufen zu lassen, wie es in Wirklichkeit nie verlief. Alles befriedigender verlaufen zu lassen, dazu schrieb er die Wirklichkeit um. Er ertrug die Wirklichkeit überhaupt nur noch, wenn er sie schreibend beantwortet hatte. Nicht, daß diese Welt nicht schön wäre, sie ist nur unerträglich. Man musste sie, um sie erträglich zu machen, zwingen, einen weißen Schatten zu werfen. Das ging, wenn überhaupt, nur schriftlich. (Martin Walser: Ohne einander. Suhrkamp Verlag 1993)

The process of writing glosses over reality. Until it throws a white shadow, German novelist Martin Walser once wrote.

For sure, we are all great narrators of our own story.

In fact, there seems to be nothing more important than being able to tell your lifestory these days.

We do it on Facebook every day.

We are popstars on our own stage.

We are actors in our own movie.

In short: We live for that one, special moment that seems larger than life. Well, our own 1.0 life, that is.

A few years ago, a college student started to run a website with the goal to make the world a much more social place. 8 years and a billion users later, it’s fair to say Mark Zuckerberg succeeded. The way we interact, has truly gotten more social. But then again, do we really know what we are sharing in the end?

In 2000, most of us felt uncomfortable leaving a comment on the web via your real name. A decade later Facebook heavy hitters can’t enough of posting 100′s of holidays pictures, barely naked and in most obscure poses. Hasn’t the social experience gone too far and turned into rather social fiction, after all? Let’s keep up track.

I went over some notes of the last years, re-edited and finally launched them. It’s all in the past anyway.  More important, I lift beta stage and will continue blogging from now on as much as possible.

So here’s to Social.fiction after all! It’s a bilingual blog in German and English about my every day life in the era of the omnipresent social networks.

Welcome! We are what we post.

Midnight in Antibes.

10 Aug


And then you find yourself walking in the shoes of one of your youth heroes, finding it impossible that it’s been really two decades gone by since you read lines like this:

In the early morning the distant image of Cannes, the pink and cream of old fortifications, the purple Alp that bounded Italy, were cast across the water and lay quavering in the ripples and rings sent up by sea-plants through the clear shallows. Before eight a man came down to the beach in a blue bathrobe and with much preliminary application to his person of the chilly water, and much grunting and loud breathing, floundered a minute in the sea. When he had gone, beach and bay were quiet for an hour. Merchantmen crawled westward on the horizon; bus boys shouted in the hotel court; the dew dried upon the pines. In another hour the horns of motors began to blow down from the winding road along the low range of the Maures, which separates the littoral from true Provençal France.

But in Antibes, time has stopped, the waves are still breaking like they used to almost a century ago, the paths to Hotel Eden Roc are still not that easy to access, without a car, that is. As the evening sun gently fades, imagine yourself being blown right back in the early 20’s, as Dick and Nicole Diver wander along the shore of Côte d’Azur’s most exquisit place to be…

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But before you get lost too deep reminiscing about Tender is the Night, you find yourself rushing to the train station around midnight, making sure you get the last to train to Cannes, knowing it will get costy otherwise.

Well, it got costy otherwise. Even arriving the minutes before midnight, the train is gone – in the end, French trains aren’t German trains. But then as the clock strikes twelve, a taxi stops at the gate and the most glamorous female taxi driver you’ve ever seen takes her glasses off and looks at you with a knowing smile: „À Cannes?“

Zwischen Agnes und Alice.

20 Apr

Es hat nicht sein sollen mit Alice. Seit Mai 2009 trage ich sie mit mir herum, doch es klappt einfach nicht mit uns beiden, was eigentlich gar nicht sein kann, dafür liebe ich ihre Vorgängerinnen viel zu sehr – die beiden Judith Hermann-Veröffentlichungen Nichts als Gespenster und Sommerhaus, später.

Dreimal jedoch bringt nicht immer Glück: Ich habe es wirklich versucht mit diesem Büchlein, aber ich bin immer wieder darüber eingeschlafen, habe manches zehnmal gelesen und mich immer wieder aufs Neue gelangweilt – was auch vielleicht daran liegt, dass ich nichts über Sterben lesen will, sondern über das Leben in den 30ern, über das Leben, nachdem „die große Party vorbei ist„, wie Judith Hermann selbst einmal gesagt hat – das wäre spannend gewesen.

Und wenn es schon ums Sterben gehen muss, macht es Agnes besser. Das ist die Protagonistin eines anderen hochgelobten deutschsprachigen Autors, der tatsächlich Schweizer ist. Agnes ist der vor mehr als zehn Jahren erschienene Debütroman von Peter Stamm, dessen An einem Tag wie diesem ich vor paar Jahren in Zürich in die Hände bekam. Ähnlich lakonisch geschrieben, aber eine Handlung, die ist erkennbar.

Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. Nichts ist von ihr geblieben als diese Geschichte. Sie beginnt an jenem Tag vor neuen Monaten, als wir uns in der Chicago Public Library zum erstenmal trafen. Es war kalt, als wir uns kennenlernten, kalt wie fast immer in dieser Stadt. Aber jetzt ist es kälter und es schneit.

Bei Peter Stamm ist die Lektüre bis zur letzten Seite Genuss, bei Judith Hermann mühsam, beschwerlich und am meist sogar ziemlich quälend. Nur am Ende blitzt sie noch einmal auf, die alte Magie der Judith Hermann in der alternden Alice.

Drei Jahre dauert es, bis der Verlustschmerz nach dem Tod eines geliebten Menschen vorbei ist, hat der Protagonistin eine Freundin mit auf den Weg gegeben. Sie sieht ihren verstorbenen Lebensgefährten Raymond auf der Treppe sitzen, als sie sich nach einer Nacht voller Trost auf dem Balkon ihres rumänischen Gelegenheitsliebhabers auf den Nachhauseweg begibt:

Alice.

Später ging sie nach Hause. Durch die sehr freundliche Nacht. Sie winkte noch ein ganzes Stück lang, winkte, ohne sich umsehen, sie sah ihrem Schatten auf der Straße zu, ein expliziter Schatten, scharf geschnitten, die winkende Hand viel zierlicher als ihre eigene. Sie wusste, dass der Rumäne, auf seinem Balkon stehend, zurückwinken würde, bis sie um die Ecke gebogen war. Auf Wiedersehen.

Sie ging an den geschlossenen Cafés vorüber, vor denen die Stühle aufeinandergestellt, an die Tische gelehnt waren, die Straße am Park lang auf das Haus zu, in dem sie noch lebte und in dessen Zimmer im dritten Stock sie das Licht hatte brennen lassen. Um den Park herum der Geruch von Gras. Vor dem Haus saß Raymond. Auf der Stufe vor der Haustür, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, ruhig und wartend. Erstaunlicherweise rauchend, Alice konnte den Glimmpunkt seiner Zigarette sehen.

Es sind die letzten Dinge. Es ist die letzte Geschichte. Die letzte Geschichte für die nächsten sechs, sieben Jahre?

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