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Landungsbrücken.

22 Dez

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Er ging jetzt schneller durch die eisige Nacht, eine Hand am Kragen, die andere in der Tasche – Handschuhe und einen richtigen Schal hatte er nicht dabei, nur den Leinenschal, den er immer trug, das ganze Jahr. Dann kam schon das S-Bahn-Schild in Sicht: Landungsbrücken.

Für einen Moment überlegte er, ob er noch eine Message an Tim schicken sollte, ob sich die Nacht noch fortsetzen ließe. Also raus damit: Hey Muchacho, noch unterwegs? One last Drink? 2:52 Uhr war es, als er auf sein iPhone blickte, ihm kam die Weihnachtsfeier viel kürzer vor, aber er wieder der Letzte gewesen zusammen mit drei jungen Kollegen in ihren zwanziger Jahren, die über den Redaktionsalltag, verschleppte Erkältungen und den kommenden OSZE-Gipfel klagten, der jetzt schon probeweise zur Abriegelung der Feldstraße geführt hatte.

Er spürte den Rotwein, den er fast im Alleingang getrunken hatte, weil der überwältigende Rest bei Bier und Weißwein geblieben war, hatte aber die Grenze zum Betrunkensein zum keinem Zeitpunkt des Abends überschritten, ein Glas Wein, ein Glas Wasser, eine halbe Stunde Pause. Es war genau das erste Mal seit der letzten Weihnachtsfeier, dass er leicht beschwipst durch die Nacht trottete und für einen Moment den Impuls verspürte, weiter zu ziehen, es noch einmal richtig krachen zu lassen, obwohl er wusste, dass es dafür längst zu spät war – nicht in der Nacht, in seinem Leben.

Seitdem die 40er-Grenze erreicht war, hatte er schließlich doch den natürlichen Gefallen am Partyleben verloren, der ihn zwei Jahrzehnte durch die Hamburger Nächte getrieben hatte, all die Jahre zwischen der Schanze und dem Kiez. In der zweiten Hälfte seiner Dreißiger war er mit Ottensen zufrieden gewesen. Auch wenn dort die letzten Bars am Wochenende um drei oder spätestens vier Uhr schlossen, klammerte er sich so für einige Jahre in nostalgischen Anflügen an die letzten Tage seiner Jugend – und dann war es plötzlich vorbei. Von einer auf die nächste Woche. Die Party war zu Ende.

Rehbar

Ein Kollege, ein paar Jahre älter als er, hatte am Abend den Satz fallen lassen, dass er endlich angefangen hatte, in sein Alter hereinzuwachsen. Noch mit 40 fühlte man sich – ganz wie im Jay Z-Song – eigentlich 30 Jahre alt, doch dann ging es schnell, und es kamen Jahre, die einen mit einem Schlag um den Faktor fünf altern ließen, ganz gleich, ob als Beweis dafür die grauen Schläfen oder ein neuer Schmerz neben Wirbelsäule herhielten, den er seit diesem Jahr kaum mehr loswurde.

Die Dialoge der letzten Stunden hallten nach. Wie war das Jahr, die Mutter aller Scheißjahre, Prince ist tot, David Bowie ist tot, Trump ist Präsident. Aber wie schlecht war ein Jahr wirklich, an dessen Ende man seinen Job noch gerne tat, glücklich verheiratet war, keine ernsthafte Krankheit diagnostiziert bekam und die Eltern noch lebten? Er lächelte über die überzogene Dramatik seiner jungen Kollegen, aber er war genauso gewesen in seinen 20er-Jahren, als 9/11 und der zweite Irak-Krieg wie das Ende der Welt erschienen und am Ende doch nicht mehr waren als eine Fußnote der Geschichte, während das eigene Leben mit Trennungen und neuen Eroberungen eine ganz andere Dramatik bereithielt.

Diese Weihnachtsfeiern waren eine gute Konstante all die Jahre. Sie fügten das Jahr zusammen, sie hielten es wie eine Klammer. Jede Weihnachtsfeier fing auf eine ehrliche Art eine andere Stimmung ein, auch weil seit vielen Jahren die gleichen Leute zusammenkamen, aus Hamburg, aus Düsseldorf, aus Heidelberg. Es war das Gegenteil dieser verlogenen Agenturparties, es war für einen Abend eine Klassenfahrt im Arbeitsleben, die beim ersten Mal mit einem Flaschendrehen bei Wodka um weit nach Mitternacht in der Redaktion geendet hatte.

Er hatte damals nach all den Sex-Fragen der jüngeren Kollegen seinem zehn Jahren älteren, unverheirateten, kinderlosen Kollegen Holger eine einfache Frage stellen wollen, die aber persönlicher geraten war als gedacht. Sie ging so: Wenn Du Dein Leben mit einem anderen Kollegen tauschen könntest, der 10 Jahre jünger war und bereits zwei Kinder besaß, würdest Du tauschen? Die Antwort war ein fünf Minuten langer Monolog, der in Tränen endete, der die Runde rührte wie schockierte. Sieben Jahre war das jetzt her, sie hatten auch heute Abend wieder über diesen denkwürdigen Moment gesprochen. Was wohl aus Holger geworden war? Zu 70 Prozent hatte er Holgers Alter von damals inzwischen selbst erreicht.

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Fünf Minuten waren vergangen – nichts. Wenn Tim noch unterwegs war, dann hätte er sofort geantwortet. Also direkt nach Hause? Die nächste Bahn fuhr in fünf Minuten. Er ging am S-Bahneingang vorbei, dann weiter in Richtung des Hafens auf den Pegelturm zu, dessen Zeiger kurz vor der Drei-Uhr-Marke stand, und nahm schließlich die wenigen Stufen zur Fußgängerbrücke hinauf, die einen der schönsten Anblicke über Hamburg bot.

Reflexartig zückte er sein iPhone, um ein Foto vom Musical Theater auf der anderen Seite der Elbe zu schießen, wo noch ein paar Wochen Das Wunder von Bern lief – ein Motiv, das er Dutzende Male fotografiert hatte und vor ein paar Jahren bestimmt auch auf Instagram und Facebook gepostet hätte. Er hielte inne.

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Inzwischen hatte er seit Monaten nichts mehr gepostet und auf überraschende Weise das Gefühl, alles gesagt zu haben – die Reisen waren gemacht, die Motive verbraucht und die Posts abgesetzt. Wie zur Bestätigung öffnete er Instagram und sah im Feed ein Foto vom Weihnachtsmarkt am Rathaus, einen Weltreisen-Post aus Peru und schwedische Pilotinnen, die aus dem Cockpit posteten und sich zwischendurch bei Yoga am Strand verrenkten. What a Time to be alive, stand unter dem einen Post. So war das.

Gerade als er umkehren wollte, sah er, wie eine Dreier-Mädchengruppe genau auf ihn zusteuerte. Ehe er sich wegdrehen konnte und hielt ihm die eine schon ihr Smartphone hin: „Können Sie ein Foto von uns machen?“ sagte eine große Blonde, die kaum 20 Jahre alt sein mochte, mit schwäbischen Dialekt. „Bitte mit der Elbphilharmonie im Hintergrund“, mischte sich ihre Freundin ein, die eine Brille und einen unvorteilhaften Kurzhaarschnitt trug.

Ehe er etwas entgegen konnte und sich vor allem darüber Gedanken machen konnte, dass sie ihn gesiezt hatten, schmissen sie sich in Pose. Die Hände wurden um die Schultern geschlungen, ein falsches oder doch echtes Lachen aufgesetzt und einige Sekunden später gegen ein Duckface getauscht. „Noch eins, noch eins“, kreischten die Mädchen.

„Landen die dann auf Snapchat oder Instagram?“, fragte er aus journalistischer Gewohnheit heraus.
„Hey, Sie haben ja richtig Ahnung“, quiekte die große Blonde mit langen Haaren zurück. „Instagram natürlich, die Snaps können wir selber schießen.“
„Natürlich“, entgegnete er.
„Und Sie?“, schaltete sich die Dritte ein, die ihre Haare unter einem dicken Beanie versteckt hatte. „Wo posten Sie?“
„Naja, in meinen Alter“, spielte er die Vorlage zurück, „ist das mit den Posts nicht mehr so wichtig“.
„Ach, Unsinn“, mischte sich die Vorlaute ein und lachte hysterisch. „Na los, noch eins.“
„Das sind mindestens zehn, wird schon was dabei sein“, sagte er und gab das Smartphone zurück, das ein Samsung Galaxy S7 edge war. „Warum kein iPhone?“ forschte er weiter.

„Pfff, Apple ist durch!“ blaffte die Vorlaute. „iPhone hat mein Vater.“
„Guter Vater.“
„Ich wette, Sie haben auch eins“
„Klar.“
„Oh Mann. Na vielen Dank. Kommt Mädels, wir müssen weiter“, sagte die Vorlaute. „Geht’s hier zum Fischmarkt?“

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„Andere Richtung“, sagte er und zeigte mit dem Arm nach rechts, „aber seid Ihr sicher, dass Ihr nicht vorher auf den Hamburger Berg wollt? Für den Fischmarkt ist es noch zu früh.“
„Hamburger Berg? Ich sehe hier aber weit und breit keinen Berg, nur Wasser“, platzte die Vorlaute heraus und lachte wieder auf Reflex. Spätestens jetzt hatten sie sich als die Touristen geoutet, die sie waren.

„So heißt die Straße. Das ist die Party-Area, wird Euch gefallen. Woher kommt Ihr?“
„Stuttgart“, sagte die kleinere mit Brille, um auch mal etwas zu sagen.
„Ah, ok“.
„Wie, gefällt Ihnen nicht?“, blaffte ihn die Vorlaute an.
„Ich kenne es nicht besonders gut“, log er.
„Na, haben Sie auch nicht viel verpasst“, sagte die Vorlaute und zog an ihrer Freundin, während die Dritte ihr Smartphone zückte und auf ihn hielt.

Er hielt die Hand vor die Linse wie vor einen Paparazzi und lächelte verlegen. „Was wird das?“
Sie griff nach seinem Arm und drückte ihn leicht herunter.
„Nimm mal weg“, sagt sie und lächelte. „Ich möchte ein Andenken“.

Für einen Moment war er perplex und schaute in ein grinsendes Sommersproßengesicht – ohne Erwartungen oder irgendwelche Absichten, ein Teenager auf einer seiner ersten Reisen in die große, weite Welt.
„Danke“, sagte sie und drückte leicht seine Hand.
Ehe er etwas entgegen konnte, war sie an ihm vorbeigehuscht und lief ihren Freundinnen nach. Mit jedem Jahr, dachte er, verstehe ich Holger ein bisschen besser.

Das iPhone brummte. „Kommst Du bald“, poppte die iMessage seiner Frau mit einem Herz-Symbol auf.
Er lächelte sein Display an und tippte: „Sofort, mein Engel.“
Dann dreht er sich um, grinste in sein iPhone hinein, drehte das Display, so dass die Elbphilharmonie im Hintergrund zu sehen war, stellte auf Auto-Fokus und drückte ab.

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Scharbeutz. (Menschen im Sommer.)

30 Aug

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„Meine Damen und Herren, eine Durchsage: Wegen einer Betriebsstörung verzögert sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit.“ Die Türen öffnen sich, die Rentner aus dem Schwabenland stöhnen. „Desch gibsch doch nett.“ Man macht sie ja nie ein Bild davon, dass wirklich Dreivierteldeutschland an die Ostsee strömt, in den Ferien.

„Komm“, sage ich zu meiner Frau, „wir können auch hier raus“. Betriebsstörung bedeutet bei der Deutschen Bahn in der Regel: 30 Minuten und länger – meistens: länger. Wir wollten nach Fehmarn, aber nun ist es eben Scharbeutz geworden, es hätte auch eine schlechtere Haltestelle treffen können: Sierksdorf zum Beispiel.

Wir steigen aus, die schwäbischen Rentner schauen uns an wie Ufos. Desch wird länger dauern, denke ich, sage es aber nicht, als ich aussteige. Seit ich zu Studienzeiten in den 90er Jahren einmal für ein paar Monate aus Versehen mit einer Schwäbin zusammen war, kommt der Imitationsreflex immer wieder durch. Mit högdcher Dischziplin. Bescheuert, ich weiß.

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Scharbeutz, das ist ein Ostseeort an der Lübecker Bucht, der ein bisschen aussieht, als hätte ein Maklerbüro versucht, die deutsche Côte d’Azur nachzubauen – was natürlich furchtbar misslingt. Vor 200 Jahren gab es hier keine 200 Einwohner, heute werden 300.000 Übernachtungen pro Saison registriert. Es ist alles angerichtet: Eine neu gestaltete Dünenmeile samt Designhotel, das erst im vorletzten Jahr eröffnet hat, wie ich lerne, Fisch Gosch ist auch da und diese Seemode-Lärchen, die Daunenjacken für 300 Euro verkaufen – und Badehosen für 70 Euro.

Ich weiß das, weil ich bemerke, als wir am Pier stehen, dass ich meine Badehose vergessen habe. „Macht nichts, wir kaufen dir eine neue“, sagt meine Frau. „Auf gar keinen Fall“, beharre ich. 70 Euro für einen roten hässlichen Polyesterfetzen, den ich dieses Jahr noch genau das eine Mal tragen würde, für ein paar Stunden?

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Wir nehmen uns ein Strandkorb für 16 Euro, 6 Euro Kurtaxe inbegriffen. „Was ich an Deutschland einfach nicht versehe“, sagt meine Frau, die nun seit zweieinhalb Jahren hier lebt, „sind nicht nur die Preise. Es ist auch die Stimmung. Dass die Menschen nie lachen. Es ist noch einmal Sommer, es sind 26 Grad, es ist ein schöner Strand, es ist alles da – und jeder zieht dieses Gesicht, als ginge die Welt unter. Warum ist das so?“

Auf diese Frage weiß ich nun keine Antwort. Es ist nicht so, dass nicht auch schon darüber nachgedacht hätte,  man vergisst es aber immer wieder schnell mit Zeit, weil man am Ende ja genauso wird. Immer, wenn ich die Sommer mit ihr im Balkan verbracht habe, ist mir diese deutsche Griesgrämigkeit mit dem fremden, frischen Blick sofort aufgefallen, noch am Flughafen.

Kein Lachen, keine Interaktion. Stattdessen schon im Flugzeug Rücken durchdrücken, Laptoptasche ins Gesicht knallen, Erster sein. Bis heute bereitet es mir ein diebisches Vergnügen, als Letzter das Flugzeug zu verlassen und mich noch in den Flugzeugbus zu quetschen und mich bei den griesgrämigen Rückendurchdrückern zu revanchieren. Last in, first out.

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Man vergisst sie, aber man sieht sie immer wieder. Auch in Scharbeutz. Direkt neben uns haben sich zwei Familien mit Kleinkindern ausgebreitet. Die Mütter wirken genervt, die Väter gestresst. Die Sonne ist zu hell für das iPad. Microsoft Office funktioniert auch immer noch nicht richtig. „Geh mal mit Lotte ans Meer“, sagt eine ziemlich beleibte Endreißigerin zu ihrem agilen Mann, dem Tablet-Nutzer. Missmutig legt er sein iPad beiseite, schnappt sich das Kind, setzt es auf die Schulter und trotet Richtung Meer.

„Mensch Sven, Du musst Lotte doch vorher eincremen“, sagt die genervte Mutter. Also Kommando zurück: Lotte von der Schulter, tiefer Griff in den Rucksack, Creme raus, Kindergesicht beschmieren. Lotte gefällt das nicht. Sie zieht das Gesicht weg, windet sich. „Mensch Papa, das klebt doch nur“. Sagt es und reißt sich los. Dann brummt das iPad. Der Impuls, nach der neuen Email zu schauen, ist zu antrainiert, als dass der Mann, der offenkundig Sven heißt, widerstehen könnte – und beschmiert sofort sein Display.

„Scheiße“, sagt Sven. „Was issn’?“, fragt die Frau, ebenfalls reflexartig, ohne es eigentlich wissen zu wollen. Und ehe die Antwort abzuwarten: „Mensch Sven, pass doch auf Lotte auf“. Lotte ist keine 10 Meter weiter über eine Schaufel drei Strandkörbe weiter gestolpert und hat nun ein blutiges, sandiges Knie. Heulend wie eine Sirene kehrt Lotte zurück. Kleine geschlagene Kriegerin.

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Ich lehne mich tiefer in den Strandkorb und drücke meine Kopfhörer ein bisschen fester ins Ohr. All I wanna do is get high by the beach. Get high by the beach, get high. All I wanna do is get by by the beach. Get by baby, baby, bye bye.

Was mir am deutschen Sommer auffällt, ist, wie viel Mühe er uns offenbar bereitet. Wir sehnen uns das ganze Jahr nach ihm, können aber doch so wenig mit ihm anfangen, wenn er endlich einmal da ist, für ein paar Tage. Alles ist Arbeit, die Jagd nach einem Strandkorb, die richtige Ausrichtung nach der Sonne, das Eincremen nicht vergessen, nach einer halben Stunde muss irgendwas gekauft werden, Fischbrötchen, Crêpes, eine Ilustrierte, Aufstehen, rein in die Schuhe, keine Flip Flops mit, Sand in den Sportschuhen, weil Angst vor der Scherben auf der Promenade, lange Schlange, das WC ist auch zu weit weg, endlich gefunden, nach 10 Minuten  wieder im Strandkorb ist man ein anderer, alles ist anders, die Sonne steht anders, der Wind ist aufgezogen, es gibt neue Strandkorbnachbarn, die mit kehligen Stimmen vom Grillabend gestern mit Axel und Steffi berichten, und man bereut sofort bitter, dass man nicht nur die Badhose, sondern auch einen iPhone-Ersatzakku vergessen hat. Du wolltest schließlich wandern gehen, nicht an den Strand.

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Nach drei weiteren Stunden ist auch dieser Spätsommertag vollbracht. Wir wandern schließlich an der Promenade entlang Richtung Timmendorf Strand, ein Sky du Mont-Typ kommt uns entgegen und fixiert meine Frau und ihr Dekolleté. Auf eine sehr direkte Art macht er das, nicht wie die verschmähten Glotzer, die im letzten Moment beim Passieren die Augen groß aufreißen, sondern genüsslich, als würde er das öfter tun, der alternde Voyeur. An seiner Seite eine dünne, krampfhaft jugendlich geblieben Endvierzigerin mit Karottenjeans und Perlenenkette. Vielleicht hatten sie es heute nicht nach Sylt geschafft.

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Wir erreichen den Bahnhof Timmendorfer Strand fast auf die Sekunde genau. Als wir die Autobahnbrücke überqueren, hören wir den Zug einrollen. 300 Meter noch. Wenn man bedenkt, dass der Zug immer etwas hält, um den Pulk an Menschen, dieses Wechselspiel von Kommen und Gehen, herein- und herauszulassen, bleiben uns 40, maximal 50 Sekunden. Wir schaffen das. Ich sprinte und blockiere die Tür, wir schaffen das immer.

Ich blicke im Wagon umher, links, recht und wähle rechts, weil der Teil so schön leer ist. Zwei Mädchen, Teenager, sitzen auf dem Viererplatz und blicken auf ein Phablet, das kein iPhone ist. Sie sehen ein Musikvideo, das ich nicht kenne, Rihanna ist das nicht, soviel steht fest, Chartzeug, ich weiß nicht, was. Irgendein Beat wummert, irgend ein Noname-Rapper rappt seine Lines, ich habe seit den 90ern aufgehört, die Charts zu verfolgen, damals liefen die American Top 40 mit Shadoe Stevens bei Radio Hamburg ab Freitagmitternacht, ich habe damit damals meinen Schlafrhythmus auf Lebenszeit versaut, so hat das angefangen, mit Cherry Cola und Ranchos Chips, meine Art von Party zu Schulzeiten.

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Das eine der beiden Mädchen grunzt zu laut zu dem Gerappe, das andere hat den Arm um sie gelegt, hält sie, erst jetzt sehe ich, dass sie zittert, dass sie schluchzt statt lacht, dass sie heult wie ein Schlosshund, wie ich seit Jahren niemand mehr habe weinen sehen, das ist nicht normal, das ist ein Anfall. Die Blonde, die sich als ihre Schwester herausstellt, tröstet sie, sie wirkt nicht so konsterniert wie wir, obwohl ihre Schwester kaum mehr ein Wort herausbekommt, sie japst wie bei einem Asthmaanfall, immer wieder dieses Schlucken, keine Luft bekommt sie mehr. Ich überlege, was als Nächstes passiert.

Die Blonde steht auf und verschwindet im Zug. Nach zwei Minuten kommt sie wieder – mit einer Box Würstchen. Ich bin zu perplex, um zu registrieren, dass man in der NOB natürlich keine Snacks kaufen kann, aber dann kommt auch schon eine mittelalte Frau angetrotet, die sich als Mutter der beiden herausstellt. Papa ist schuld?

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Irgendwas ist immer. Wir fahren irgendwoher, irgendwohin, um irgendeinem Ziel nachzujagen. Ein bisschen Sommer, ein bisschen Sonne, ein bisschen. Aber irgendwas kommt immer dazwischen. Auf der Hinfahrt, auf der Rückfahrt. Und vor allem dazwischen. Nächste Haltestelle: Lübeck. „Nach einem kurzen Aufenthalt fährt der Zug weiter in Richtung Hamburg Hauptbahnhof.“

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Die letzte Fähre.

15 Sep

Und dann sitzt du wieder am Fenster, der Fensterplatz schlägt immer den am Gang, aber es ist anderes Fenster diesmal, Germanwings, Pristina, denn wenn es nicht etwas Neues ist, ist es kein Abenteuer, nicht wahr?

Pristina Boarding

Du versucht dich zu erholen von dieser verstörend grauen Stadt aus Asphalt, Geröll und einer der traurigsten Vergangenheiten, die die Welt in den letzten Jahrzehnten gesehen hat, du versuchst das abzuschütteln wie den Abschied jetzt.

Pristina Crossroads

Du siehst auch hier beim Abflug Hügel, die zu geschwungenen Linien werden, zu braunen Wellen mit Klecksen darin, es ist nicht anders als in Tirana, es ist nicht anders als im Wagen, nur die Linien sind größer und die Schwünge dort weiter, und die warme Luft fügt alles zusammen, den ganzen Sommer in seinen Einzelteilen, Tirana, Budva, Kotor, Dubrovnik, Split, Brac, Postira, Bol, Herceq Novi, Tivat, diese Fähre durch den Fjord von Kotor, die auch mitten in der Nacht fährt, die immer fährt, und das eine Ufer mit den anderen verbindet, 30 km in 5 Minuten gespart.

Ferry Girl

Du denkst an dieses Auf-die-Fähre-Fahren als den einen Sommermoment, es gab hundert andere, aber dieses Bild kommt als erstes, wenn du jetzt an diesen Sommer denkst, an diese drei Monate, schaffen wir das noch, schnell das Ticket, 4,50 EUR für 5 Minuten, wir schaffen es immer, bis auf das eine Mal um halb drei nachts, als die Fähre abfährt, als ich das Ticket kaufe, drei mal Tuten, dann legt sie schon ab, dann wird das blaue Dreieck, das auf den Porto Montenegro hinweist, zum Fleck in der Landschaft, so wie der Kieselstrand am anderen Ufer näher rückt, du kannst den Balkon von der Fähre aussehen, auf dem die australischen Camper gesehen hast, die den Fjord umrundet haben auf dem Weg wer weiß so hin…

Summer Balcony

Wenn du in ein paar Wochen einmal wieder auf ein paar der 3000 Sommerbilder auf deinem iPhone schaust, dann tust du das schon mit einem anderen Gefühl, dann haben sich die Bilder schon verändert, dann hat die Nostalgie einen neuen Filter über die Bilder gezogen, intensiver als Instagram, abgelegt im Ordner Sommer 2013, verklärt mit dem Soundtrack des neuen Jay Z-Albums und des halbneuen von Lana del Rey, es ist wichtig, dass alles seine Zeit und Zeilen hat, das ist der Soundtrack des Sommers.

Summer.

Wir haben Holy Grail und die Paradise Edition von Born to die gehört, als uns der Sommerwind am Fjord durchwehte, Erinnerungen brauchen nicht nur Bilder, sie brauchen auch die richtigen Songs. Wenn du halb betrunken bist, singst du diese paar Zeilen mit, die du behalten hast, obwohl Singen das Letzte ist, was du kannst, das Allerletzte, und du froh bist, wenn dich niemand daran erinnert, vollkommen zusammenhangloses Zeug:  „1 Million, 2 Million, 3, Million, 20 Million – oh I’m so good at math“, johlt Jay Z, das ist genauso selbstverliebter Blödsinn wie Lanas „My Pussy tastes like Pepsi Cola“, aber das sind die Zeilen, die hängen bleiben, warum auch immer.

Summer Farewell

Was noch hängen bleibt, ist der Justin Timberlake-Hook, „And Baby, it’s amazing I’m in this stage with you…, one Day you here, one Day you’re there… “ Die richtig guten Sachen, John Mayers Battlestudies, behälst Du nicht, außer „All we ever do is say Goodbye“, das ist Programm, so wie Battlestudies Programm ist zwischen der Grenzen von Albanien und Montenegro, es ist längst eine Tradition.

The last Ferry

So ist es jedes Jahr, so ist es immer wieder, das Vergangene bekommt ein Gewicht, das es damals vielleicht nie hatte, es bekommt diesen Schleier umgelegt, das weißt du, als auf der Fähre in den Fjord schaust, in dem sich der Mond spiegelt, du weißt, das ist so ein Moment, der in Gedanken eingerahmt wird, der bleibt, du weißt das, als der Mond den Fjord trifft, aber ein Foto davon gibt es nicht, weil du es verpasst hast, eins zu schießen, in diesem Moment, der größer ist als ein iPhone-Foto.

Apocalypse. (Endzeit-Trilogie II.)

21 Dez

Diesmal ist es kein Aufprall aus dem Nichts. Diesmal hast du mehr Zeit. Unendlich viel Zeit. Der Countdown für den 21.12.2012 läuft so lange du ihn wahrnehmen willst. Natürlich ist das großer Kindergarten, du hast nicht mal eine Sekunde darüber nachgedacht, dass wirklich etwas passieren könnte. Es geht ja immer weiter, nicht wahr.  Jeder sagt das ja, Facebook ist voll von 12/21/2012-Weltuntergangswitzen. Allein der Mangel an einem konkreten Untergangsszenario macht dir den Untergang weniger wahrscheinlich.

Aber irgendwann wird tatsächlich der letzte Tag kommen, der letzte Tag von allen. Nichts währt für immer, das weißt du doch, nicht mal die Erde. Wie wäre das? Wie würde es enden? Mit einem großen Knall? Mit einer Überschwemmung? Würde es sein wie in Melancholia? Oder würde es sein wie bei einem monströsen Tsunami? Und was wäre dir lieber?


Würdest du es lieber live miterleben oder sollte es dich besser im Schlaf überraschen? Und was würde es ändern? Wenn du wüsstest, du hast noch zwölf, noch acht, noch vier Stunden, was würdest du dann tun? Ein letzter Anruf bei deinen Eltern, ein letzter Facebook-Post, eine letzte Aussprache mit wem auch immer? Die letzten Dinge.

Photo Credit: Original Version © Nordisk Films

Wer würde dir am meisten fehlen? Bist du bis hierin zufrieden mit deinem Leben gewesen? Was hättest du gerne noch erledigt? Was bereust du am meisten, nicht getan zu haben? Warum hast du es nicht getan? Und wenn die Welt doch nicht untergeht, wirst du es dann tun?

Aufprall. (Endzeit-Trilogie I.)

18 Dez

Und dann macht es Knall, und binnen einer Millisekunde weißt du, das ist schlimm, das wird Folgen haben, irgendwie schützen wäre jetzt ganz gut, aber dann knallt es noch mal und noch mal und noch mal. Dass da Kräfte von hinten auf dich einwirken, die zu stark für deinen Kopf sind, weißt du sofort, aber wie stark ist zu stark? Die Sekunde nach dem Aufprall ist noch schlimmer. Gewissheit: Es hat sich was verändert. Wie schlimm ist es?

The Crash.

Das iPhone registriert du unter der Windschutzscheibe, eben war es noch in deiner Hand. Ein Riss im Display erkennst du sofort. Hast du auch was abbekommen? Das Erste, was schmerzt, ist der Kopf. Dann der Nacken. Dann der Rücken. Dann sind es tausend Stecknadeln da oben im Schädel: Wie schlimm ist es? Wie schlimm wird es? Wird dich das hier verändern? Was, wenn das Adrenalin alles gerade überdröhnt? Wirst du noch alles wissen, was du vorher wusstest? Ist da was im Kopf kaputt gegangen? Kannst du dich noch normal bewegen? Wenn etwas nicht zu reparieren wäre, was würdest du am ehesten verkraften? Warum glaubt man immer, schlimme Dinge passieren den anderen, aber dir nicht? Und wirst du noch in einer Woche an all das denken – bleibt auch nur ein Gedanke davon, wenn alles doch nicht so schlimm war?

Here’s to Social.fiction!

1 Okt

Etwas in Gedanken so verlaufen zu lassen, wie es in Wirklichkeit nie verlief. Alles befriedigender verlaufen zu lassen, dazu schrieb er die Wirklichkeit um. Er ertrug die Wirklichkeit überhaupt nur noch, wenn er sie schreibend beantwortet hatte. Nicht, daß diese Welt nicht schön wäre, sie ist nur unerträglich. Man musste sie, um sie erträglich zu machen, zwingen, einen weißen Schatten zu werfen. Das ging, wenn überhaupt, nur schriftlich. (Martin Walser: Ohne einander. Suhrkamp Verlag 1993)

The process of writing glosses over reality. Until it throws a white shadow, German novelist Martin Walser once wrote.

For sure, we are all great narrators of our own story.

In fact, there seems to be nothing more important than being able to tell your lifestory these days.

We do it on Facebook every day.

We are popstars on our own stage.

We are actors in our own movie.

In short: We live for that one, special moment that seems larger than life. Well, our own 1.0 life, that is.

A few years ago, a college student started to run a website with the goal to make the world a much more social place. 8 years and a billion users later, it’s fair to say Mark Zuckerberg succeeded. The way we interact, has truly gotten more social. But then again, do we really know what we are sharing in the end?

In 2000, most of us felt uncomfortable leaving a comment on the web via your real name. A decade later Facebook heavy hitters can’t enough of posting 100′s of holidays pictures, barely naked and in most obscure poses. Hasn’t the social experience gone too far and turned into rather social fiction, after all? Let’s keep up track.

I went over some notes of the last years, re-edited and finally launched them. It’s all in the past anyway.  More important, I lift beta stage and will continue blogging from now on as much as possible.

So here’s to Social.fiction after all! It’s a bilingual blog in German and English about my every day life in the era of the omnipresent social networks.

Welcome! We are what we post.

Midnight in Antibes.

10 Aug


And then you find yourself walking in the shoes of one of your youth heroes, finding it impossible that it’s been really two decades gone by since you read lines like this:

In the early morning the distant image of Cannes, the pink and cream of old fortifications, the purple Alp that bounded Italy, were cast across the water and lay quavering in the ripples and rings sent up by sea-plants through the clear shallows. Before eight a man came down to the beach in a blue bathrobe and with much preliminary application to his person of the chilly water, and much grunting and loud breathing, floundered a minute in the sea. When he had gone, beach and bay were quiet for an hour. Merchantmen crawled westward on the horizon; bus boys shouted in the hotel court; the dew dried upon the pines. In another hour the horns of motors began to blow down from the winding road along the low range of the Maures, which separates the littoral from true Provençal France.

But in Antibes, time has stopped, the waves are still breaking like they used to almost a century ago, the paths to Hotel Eden Roc are still not that easy to access, without a car, that is. As the evening sun gently fades, imagine yourself being blown right back in the early 20’s, as Dick and Nicole Diver wander along the shore of Côte d’Azur’s most exquisit place to be…

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But before you get lost too deep reminiscing about Tender is the Night, you find yourself rushing to the train station around midnight, making sure you get the last to train to Cannes, knowing it will get costy otherwise.

Well, it got costy otherwise. Even arriving the minutes before midnight, the train is gone – in the end, French trains aren’t German trains. But then as the clock strikes twelve, a taxi stops at the gate and the most glamorous female taxi driver you’ve ever seen takes her glasses off and looks at you with a knowing smile: „À Cannes?“

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