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Das Junilicht.

17 Jun

Weißt du noch, wie das war, damals, als die letzten, die allerletzten Klausuren geschrieben und die mündlichen Prüfungen abgelegt und die Zeugnisse endlich verteilt waren? Der 17. Juni. Das Ende von etwas. Der letzte Tag vor dem Aufbruch ins Leben. Ein letztes Mal hat jemand eine Ansprache gehalten, die keinen interessierte, und danach haben sich alle noch gegenseitig etwas in die Jahrbücher geschrieben, das netter war als die gemeinsame Zeit, denn man hatte schon damals ein Gefühl dafür, dass etwas zu Ende ging, obwohl man noch kein Gefühl für die Zeit hatte.
Das Junilicht (4).

Du hattest auch kein Gefühl für den Augenblick, denn dann bist du, wie die Hälfte der Klasse, um 22 Uhr abgehauen, weil Deutschland gegen Bolivien spielte, die WM hatte begonnen an diesem Juniabend, als die Schule zu Ende war. Aber das war dir egal, weil du es nicht erwarten konntest, mit diesem Kapitel deines Lebens abzuschließen, weil du bereits ein Neues aufgeschlagen hattest. Einen Sommer lang warst du im Tunneltal, hast gelesen und geschrieben, hast Hemingway und Fitzgerald entdeckt, das war dir wichtiger als andere Entdeckungen damals, der Traum war so groß. Es war ein langer, warmer Sommer, einer der zwei, drei wärmsten, die du erlebt hast, 25 Grad jeden Tag von Juli bis September, was für eine Zeit.

Das Junilicht (2).

Ein Kollege hat später, viel später, mal gesagt, dass die Magie der Schulferien darin liegt, dass man danach ein Jahr älter wurde, weil man diese sechs Wochen Zeit hatte, über das Leben nachzudenken und Dinge zu tun, die man danach ein Jahr nicht tun konnte, und ein Jahr später tat man sie auch nicht mehr, weil man ganz andere Dinge tun wollte, die einen wieder ein Jahr älter werden ließen. Die Vorfreude kündigte sich bereits im Mai an, wenn die letzten Klausuren geschrieben waren und man wusste, dass die beste Zeit des Jahres bald vor einem liegen würde.

Das Junilicht (3).

Man würde mit den Eltern zwei Wochen nach Italien fahren, aber die restlichen vier Wochen hatte man für sich. Man würde mit dem Rad fahren, jeden Tag ein bisschen weiter und wieder etwas Neues entdecken, neue Pfade, neue Orte, neue Seen, die man dann seinen Freunden zeigte und irgendwann auch den Mädchen. All das lag vor einem im Juni. Der ganze Sommer, der ganze endlose Sommer mit seinen weißen Nächten, das ganze Leben.

Das Junilicht (5.)

Du glaubtest an das blaue Licht dieser Juninächte, das noch um 23 Uhr leuchtete und um drei Uhr schon wieder, das blaue Hamburger Junilicht, das nie erlosch. Du glaubtest an die strahlende Zukunft, die vor dir liegt, aber doch Jahr für Jahr vor dir zurückweicht, du glaubst noch heute daran, 20 Jahre später.

Und so blicken wir in den Rückspiegel, lassen uns den Fahrtwind durch die Haare wehen und navigieren doch stetig zurück – dem Vergangenen zu.

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