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Die Schmerzensmänner von St. Pauli.

30 Nov

Das ging daneben. Bianka Echtermeyer wollte eine lustig-bissige Kolumne über die Schmerzensmänner von St. Pauli schreiben, die statt Mix-Tapes aufzunehmen, Skateboard fahren. Doch statt der alternden Jungs mit dem ergrauten Haar ist sie kräftig auf die Nase gefallen. Der Shitstorm sucht seines gleichen.

Wie konnte das passieren? Die Antwort auf die Frage  – nennen wir sie trotzdem fiktiv – ist schnell rekonstruiert. Bianka Echtermeyer schreibt bei Brigitte.de eine Kolumne zum Thema Männer. Allerspätestens seit Sex and and the City ist das der Traum jeder Kulturredakteurin. Männer gehen immer. Männer, dieses Mysterium, erklärbar machen sowieso.

Problem Nummer eins dabei: Nicht jede Kolumnistin ist Carrie Bradshaw. Problem Nummer zwei: Nicht jeder Mann Mr. Big. Problem Nummer drei: Hamburg ist nicht New York. Also werden aus wild durch die Gegend vögelnden Wall Streetern wild durch die Gegend skatende Schmerzensmänner jenseits der 25. In einem Wort: Ein Nonevent.

Skater's Paradise

Es mag nun tatsächlich ein paar dieser Exemplare geben, genauso wie es die ewigen Schanzenjungen gibt, wie den Pöseldorfer Schnösel und den Blankeneser Edel-Proll. Alles gesehen, alles bekannt. Und auch Rants mit Schleifchen, wie diese am Ende auch nicht wirklich böse Abrechnung, gibt es jede Woche von Glamour bis Für Sie zu lesen. Männerzeugs für große Mädchen und solche, die sich insgeheim gerne für etwas Besseres halten, eben. Was man so bei Balzac am Nachbartisch bei Latte Macchiato hört.

Ergo: Es geht gar also nicht um den Skater. So viel beinharte Skaterfans, wie sie sich im Brigitte.de-Forum tummeln, hat St. Pauli noch nie gesehen. Es geht auch eher nicht um Bianka Echtermeyer, die bis gestern wohl nur Brigitte.de-Leserinnen bekannt war. Sie ist 37 Jahre alt und arbeitet schon länger für Brigitte.de – als Redakteurin im Ressort „Zeitgeschehen“. Dort schreibt sie über Männer, die mehr Sex wollen als ihre Partnerin, schreibt ein paar Stichworte zur Petraeus-Affäre auf und erklärt, warum Bergwandern nun auch „bei jüngeren Leuten angesagt ist“.

Kommentare dazu: 0. Kommentare zu den skateboardenden Schmerzensmännern von St. Pauli: Binnen 24 Stunden 1700 – die gefilterten nicht mitgezählt. Es geht also offenbar um etwas anders. Um was? Lesen wir bei Bianka Echtermeyer noch mal nach:

Skateboards gehören zu kleinen Jungs. Basta. Nicht zu Menschen, die selbst Steuern zahlen und beim Orthopäden in Behandlung sind. Falls sich Männer über 30 austoben wollen, können sie gern schnelle Autos fahren, Fußball spielen oder auf Bäume klettern. Das stört mich nicht. Aber lasst bitte die Skateboards in Ruhe. Ich laufe ja auch nicht im rosa Tutu über die Straße. Aus manchen Dingen wächst man einfach raus: Das ist nicht spießig, das ist so. Und ehrlich: Erwachsen sein ist gar nicht schlimm. Versprochen.

Was man halt so schreibt, wenn 25 Zeilen zu füllen, der Tag schon wieder halb herum und das eigene Leben – vielleicht – ein bisschen langweilig ist. Wie gesagt: Nennen wir es Spekulation. Social Fiction.

Natürlich sind die Männer-Klischees nicht die allerschönsten: Schnelle Autos, Fußball spielen und Honk – nicht Hank – sein. Und: Frauen, die sich selbst mit „ist so“ bestätigen, vom Erwachsensein erzählen und phrasenhafte Versprechen abgeben, sind immer suspekt. Wahrscheinlich wünschte Bianka Echtermeyer am meisten, sie hätte diese beliebigen Klischees nie so heruntergerotzt.

Foto 2

Warum aber nun dieser epische Shitstorm? Warum diese Wut? Warum diese Häme? Woher die Häme? Es sieht ganz so aus, als würde sich an diesen gerade mal 200 Wörtern etwas Tieferliegendes entladen: die Ablehung eines Weltbilds, das unausgesprochen als Subtext mitschwingt. Der Mann als Ernährer, der Kohle ranzuschaffen, aber sonst die Klappe zu halten und schon gar nicht vermeintlich peinlichen Hobbies nachzugehen hat. Am Schlimmsten aber: Die So-hat-der-Mann-zu-sein-Denke.

Dass sich Brigitte.de mit so einer Haltung wenig Freunde und Freundinnen machen würde, war absehbar. Dass die Redaktion die Glosse indes bis weit über die Haltbarkeit verteidigt, Zickzack fährt und mitunter sogar zurückkartet, ist der eigentliche Grund für den Shitstorm epochalen Ausmaßes.

Ironie der Geschichte:  Bisher war der Fall „Brigitte“ ein Musterbeispiel dafür, wie Social Media funktioniert. Man erinnert sich: Da war doch was, die Model-Abstimmung des Versandhändlers Otto, bei dem ein 22-jähriger Student in Frauenkleidung als „Brigitte“ gewann. Otto spielte das Spiel mit, die Community jubelte. Nun gibt es den zweiten Fall Brigitte: Der Gegenentwurf, der Epic Fail, wie Social Media eben nicht funktioniert. In seinen Dimensionen ist er noch mal bei MEEDIA nachzulesen.

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