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Zwischen Agnes und Alice.

20 Apr

Es hat nicht sein sollen mit Alice. Seit Mai 2009 trage ich sie mit mir herum, doch es klappt einfach nicht mit uns beiden, was eigentlich gar nicht sein kann, dafür liebe ich ihre Vorgängerinnen viel zu sehr – die beiden Judith Hermann-Veröffentlichungen Nichts als Gespenster und Sommerhaus, später.

Dreimal jedoch bringt nicht immer Glück: Ich habe es wirklich versucht mit diesem Büchlein, aber ich bin immer wieder darüber eingeschlafen, habe manches zehnmal gelesen und mich immer wieder aufs Neue gelangweilt – was auch vielleicht daran liegt, dass ich nichts über Sterben lesen will, sondern über das Leben in den 30ern, über das Leben, nachdem „die große Party vorbei ist„, wie Judith Hermann selbst einmal gesagt hat – das wäre spannend gewesen.

Und wenn es schon ums Sterben gehen muss, macht es Agnes besser. Das ist die Protagonistin eines anderen hochgelobten deutschsprachigen Autors, der tatsächlich Schweizer ist. Agnes ist der vor mehr als zehn Jahren erschienene Debütroman von Peter Stamm, dessen An einem Tag wie diesem ich vor paar Jahren in Zürich in die Hände bekam. Ähnlich lakonisch geschrieben, aber eine Handlung, die ist erkennbar.

Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. Nichts ist von ihr geblieben als diese Geschichte. Sie beginnt an jenem Tag vor neuen Monaten, als wir uns in der Chicago Public Library zum erstenmal trafen. Es war kalt, als wir uns kennenlernten, kalt wie fast immer in dieser Stadt. Aber jetzt ist es kälter und es schneit.

Bei Peter Stamm ist die Lektüre bis zur letzten Seite Genuss, bei Judith Hermann mühsam, beschwerlich und am meist sogar ziemlich quälend. Nur am Ende blitzt sie noch einmal auf, die alte Magie der Judith Hermann in der alternden Alice.

Drei Jahre dauert es, bis der Verlustschmerz nach dem Tod eines geliebten Menschen vorbei ist, hat der Protagonistin eine Freundin mit auf den Weg gegeben. Sie sieht ihren verstorbenen Lebensgefährten Raymond auf der Treppe sitzen, als sie sich nach einer Nacht voller Trost auf dem Balkon ihres rumänischen Gelegenheitsliebhabers auf den Nachhauseweg begibt:

Alice.

Später ging sie nach Hause. Durch die sehr freundliche Nacht. Sie winkte noch ein ganzes Stück lang, winkte, ohne sich umsehen, sie sah ihrem Schatten auf der Straße zu, ein expliziter Schatten, scharf geschnitten, die winkende Hand viel zierlicher als ihre eigene. Sie wusste, dass der Rumäne, auf seinem Balkon stehend, zurückwinken würde, bis sie um die Ecke gebogen war. Auf Wiedersehen.

Sie ging an den geschlossenen Cafés vorüber, vor denen die Stühle aufeinandergestellt, an die Tische gelehnt waren, die Straße am Park lang auf das Haus zu, in dem sie noch lebte und in dessen Zimmer im dritten Stock sie das Licht hatte brennen lassen. Um den Park herum der Geruch von Gras. Vor dem Haus saß Raymond. Auf der Stufe vor der Haustür, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, ruhig und wartend. Erstaunlicherweise rauchend, Alice konnte den Glimmpunkt seiner Zigarette sehen.

Es sind die letzten Dinge. Es ist die letzte Geschichte. Die letzte Geschichte für die nächsten sechs, sieben Jahre?

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