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Das Beste daran.

20 Nov

Noch einen Roman fertig gelesen dieses Jahr: Das Beste daran von Johanna Straub, die ich bisher nicht kannte – Amazon hat sie mir vorgeschlagen, weil ich Judith Herman mag, das muss ja passen. Und tatsächlich: Die Schnittmenge ist irre groß, es geht um die großen, stillen 35+-Dramen, mithin um die „Lebensmittekrisengeschichte“, wie es ein Protagonist beim Online-Date beschreibt: „Es geht immer um alles.“

Man weiß : Man ist nicht mehr ganz frisch, es liegt die Hälfte hinter einem, aber liegt auch noch die Hälfte vor einem? So ist das wohl, Mitte dreißig, wenn man die großen Entscheidungen verpasst oder verfehlt hat: Noch nicht geheiratet, noch kein Kind in die Welt gesetzt, vielleicht nicht mal den richtigen Partner gefunden.

Oder, schlimmer: Die Partnerin erwartet ein Kind, man will das aber nicht und betrügt sie stattdessen mit der nächstbesten Jüngeren, die den Nächstbesten nimmt, weil sie nicht allein sein will. Und, am schlimmsten: Ein anderes Paar kann keine Kinder bekommen und droht daran zu zerbrechen. Soul Searching am längsten Tag des Jahres irgendwo im hohen Norden.

Das Beste daran.

Man kennt das alles aus Nichts als Gespenster, das auch schon wieder siebeneinhalb Jahre her ist und fragt sich, warum es eigentlich an Johanna Straub war, dieses Buch über die Generation danach zu schreiben, warum Judith Hermann so ein missratenes drittes Buch vorgelegt hat – vor allem aber: wo die Zeit geblieben ist.

Wie Inseln in der Zeit sind die Tage, an denen alles möglich ist. Meistens im Sommer, wenn er gerade anfängt und eine Energie in der Luft liegt, von der man nicht mehr gewusst hatte, dass es sie gibt. Wenn es eine Verständigung gibt, eine Einigkeit, eine Übereinstimmung, die alles andere in den Hintergrund treten lässt, und Worte überflüssig werden.

Trotzdem bleibt die Frage: Ab wann muss man sich entscheiden? Die Kernfrage des Romans lautet aber eigentlich: Wie lebt man weiter, nachdem man die größten Chancen seines Lebens ausgelassen hat? Wenn man weiß, dass etwas nie wieder kommt, dass der Gipfel überschritten ist? Die Antwort lautet: Enthemmt lebt man. Wie in den letzten Tagen von Rom.

Man bekommt zum ersten Mal ein Gefühl dafür, wie es ist, wenn man etwas unwiederbringlich verpasst hat. Selbst wenn man sich sofort verliebt und Kinder in die Welt setzt, wird man einer der späteren Väter sein. OK, bis 40 ist ja noch Zeit. Oder sonst eine Frau, die schon eins hat, eine Mittdreißigerin, mit sechsjähriger Tochter, das wäre vielleicht auch eine Möglichkeit. Ach, irgendwas geht schon immer noch.

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